"Digitale Lösungen für das Leben auf dem Land"

Die hohe Attraktivität ländlicher Räume als Gewerbe-, Wohn und Freizeitstandorte dürfte ebenso unumstritten sein wie ihre besonderen Herausforderungen, vor denen alle politischen Akteure stehen, um den infrastrukturellen Wandel zu gestalten und die Teilhabechancen seiner Bewohner*innen in der Gesellschaft zu sichern. In dieser Diskussion spielt Digitalisierung eine entscheidende Rolle. Die gegenwärtig massiven Investitionen in den Breitbandausbau in der Fläche sind ein beredtes Zeugnis dafür. Stabile und belastbare Internetverbindungen gehören zu den grundlegenden Voraussetzungen für viele Aktivitäten von Unternehmen, Verwaltungen, Vereinen und Haushalten. Diese Hardware erfordert enorme volkswirtschaftliche Investition, trägt aber erheblich dazu bei, Standortnachteile zu verringern. Darüber hinaus geht es aber um die Herausforderung, Infrastrukturprobleme und Erreichbarkeit abgelegener Gebiete mit digitalen Lösungen anzugehen. Neben vielen positiven Erfahrungen mit digitalen Lösungen z.B. im Bereich intelligenter/smarter Mobilitätskonzepte, mit Blended Learning-Modellen und der Telemedizin bleibt allerdings auch eine Reihe von Fragen offen. Diese gilt es zu klären.

Es diskutieren:



  • Ljubica Nikolic
    Wissenschaftliche Mitarbeiterin am
    Lehrstuhl für Soziologie Ländlicher Räume
    Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung
    Georg-August-Universität Göttingen




  • Prof. Dr. Joachim Ragnitz
    Stellvertretender Leiter ifo Niederlassung Dresden

 

 

 

 

  • Staatssekretär Stefan Brangs
    Beauftragter der Sächsischen Staatsregierung für Digitales
    Sächsisches Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr


Am 26.06.2019 fand die Abschlussveranstaltung des diesjährigen Dialoges Kontrovers statt. Unter Moderation von Prof. Stefan Beetz der Fachschule Mittweida versuchte der Abend sich dem komplexen Thema des digitalen Strukturwandels auf dem Land zu nähern. Werden durch die Digitalisierung Angebote ersetzt oder werden (zumindest in einem Übergangszeitraum) eher zusätzliche Angebotsstrukturen geschaffen?  Führt Digitalisierung tatsächlich zu einer Verringerung von Mobilität und rücken zentrenferne Gebiete näher heran? Führt Digitalisierung tatsächlich zur Dezentralisierung oder nimmt die Zentralisierung sogar noch zu? Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass die Digitalisierung neue Kooperationen, neue Qualifikationen und stets neue Anpassungsleistungen erfordert. Kann dies und wie geleistet werden? Und was muss getan werden, um auch analoge Anknüpfungspunkte zu festigen oder entstehen zu lassen?  

Staatssekretär Stefan Brangs, Beauftragter der sächsischen Staatsregierung für Digitales, stellte eingangs seine Thesen in Anlehnung an die Strategie "Sachsen Digital" vor:

  1. Flächendeckender Breitbandausbau mit Glasfaser ("Breitband bis an jede Milchkanne") als Bestandteil der kommunalen Daseinsvorsorge
  2. Innovation in der digitalen Infrastruktur (5G und neue Lösungen schaffen Möglichkeiten für Arbeitsorte) und Förderung des Software-Standortes Sachsen
  3. Unterstützung des Engagements der Akteure vor Ort und Berücksichtigung spezifischer Ansätze vor Ort  

Joachim Ragnitz, Wirtschaftswissenschaftler mit dem Schwerpunkt Politikberatung für Ostdeutschland und stellvertretender Geschäftsführer der Niederlassung Dresden des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, sieht in der Digitalisierung vor allem eine Chance für die Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse. Man dürfe aber nicht nur über den Breitbandausbau reden, sondern vor allem darüber wie Digitalisierung sinnvoll umgesetzt werden kann - insbesondere in Bezug auf die abnehmende Attraktivität ländlicher Räume für qualifizierte Fachkräfte.  

Ljubica Nikolic, wissenschaftliche Mitarbeiterin Lehrstuhl für Soziologie Ländlicher Räume, Georg-August-Universität Göttingen betonte, dass digitale Lösungen allein nicht ausreichen, sondern, dass es engagierte Akteure aus Wirtschaft, Verwaltung und/oder Zivilgesellschaft benötigt, welche soziale Orte im Sinne "kommunikativer Ankerpunkte" schaffen. Erst dann kann mit Hilfe digitaler Lösungen die Lebensqualität auf dem Land nachhaltig verändert werden.  

Damit endete der diesjährige "Dialog Kontrovers". An sieben Abenden wurde unterschiedlichen Facetten der digitalen Transformation (digitaler Kapitalismus, Bildung, Online-Abhängigkeit, Arbeit 4.0, der gläserne Bürger, Demokratie, Lebensverhältnisse in Stadt und Land etc.) nachgegangen. Alles Themen, die die Gemüter gegenwärtig auch ohne Digitalisierung bewegen. Insofern war das Digitalisierungsthema eine Art Brennglas auf den Zeitgeist. Wenn es ein Resümee über alle Themenfelder hinweg gibt, dann vielleicht dieses: Es wird eine Herausforderung sein, sich mit Lust und gebotener Experimentierfreude der Digitalisierung zu öffnen, sich dieser aber auch nicht mit unreflektierter Euphorie und fröhlicher Unbedarftheit zu unterwerfen, sich kritisch und reflexiv ihren Risiken und problematischen Kollateraleffekten gegenüber wach zu halten ohne in einer distopischen Distanzierung zu verharren. Dazu braucht es, das würden wohl alle Dialoggäste unterschreiben, mehr als digitale Fertigkeit, nämlich digitale Kompetenz, die in einer digitalen Ethik gründet und in einer analogen Lebenskompetenz verankert ist.