"Digitalisierte Bildung zwischen Euphorie und Skepsis"

Der digitale Wandel verfügt über das Potential auch unsere Bildungseinrichtungen sehr grundlegend zu verändern – sowohl in organisatorischer als auch in pädagogischer Hinsicht. Die Frage ist nur wie so oft ob zum Besseren oder zum Schlechteren. Von individuellen Lernzugängen und zeitgemäßen Methoden der datengestützten Förderung schwärmen die Befürworter. Vor der Transformation unserer Schulen in Lernfabriken und „digitaler Demenz“ (Spitzer, 2012) warnen die Kritiker. Wer hat Recht, wie sinnvoll sind die aktuellen Digitalisierungsbemühungen der Bildungspolitik und was brauchen Lernende und Lehrende wirklich?

Es diskutierten:




Nur selten sind sich Bildungsexperten, Politiker, Lehrer und Schüler bei einer Sache einig. Wenn es aber um den Einsatz von Computern, Tablets und Smartphones im Unterricht geht, scheint es keine zwei Meinungen mehr zu geben. Der Unterricht an deutschen Schulen – und nicht nur dort – soll in Zukunft vor allem eines werden: digitaler. Fünf Milliarden fließen in den kommenden Jahren aus Bundesmitteln über den sogenannten Digitalpakt in die technische Infrastruktur der Schulen.

Ob das eine gute Idee ist und wie digitale Medien den Unterricht besser machen können, darüber diskutierten beim Dialog Kontrovers am 5. Juni Hans-Werner Wollersheim, Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Leipzig, Ralf Lankau, Professor für Mediengestaltung und ‑theorie an der Hochschule Offenburg, und Volker Tolkmitt, Prorektor für Bildung an der Hochschule Mittweida.

Werner Wollersheim hob zu Beginn der Diskussion die Chancen der Digitalisierung im Bildungswesen hervor. Vor allem durch digitale Unterstützungssysteme könnten in Zukunft „passgenaue Aufgaben vorgeschlagen und deren Bearbeitung individuell begleitet werden“. Der Lehrer werde dadurch nicht überflüssig, sondern erhielte die Zeit und den Freiraum, die ihm im aktuellen System oft für die pädagogische Arbeit fehlten.
Ralf Lankau, studierter Kunstpädagoge und Autor des 2017 erschienenen Buchs Kein Mensch lernt digital hielt dagegen: Er kritisierte vor allem, dass für das Lernen mit digitalen Medien immer mehr Daten der Schüler erhoben werden müssten. Solange diese Daten an den Schulen verblieben, sei das zwar hinnehmbar. IT-Unternehmen, die im Bildungsmarkt aktiv sind, hätten aber ein großes Interesse, Zugriff auf diese Daten zu erhalten. Die immer stärker werdenden Tendenzen im Bildungswesen, Schulen nach den Regeln der Betriebswirtschaft zu organisieren, bezeichnete er als Irrweg.
Dem widersprach der Mittweidaer Prorektor Volker Tolkmitt: Der studierte Volkswirt betonte, gerade weil es um die Zukunft unserer Kinder gehe, müsse man nach ökonomischen Prinzipien handeln. Er warb für eine effiziente Ausgabenpolitik, weil auch die Bildung mit begrenzten finanziellen Mitteln auskommen müsse. Wenn sich aus der Digitalisierung Chancen ergäben, Lernprozesse effizienter zu gestalten, sollten diese auch genutzt werden. Einig war man sich auf dem Podium darüber, dass mit der bloßen Bereitstellung von Technik noch nichts gewonnen sei. Ohne gute pädagogische Konzepte und eine Integration in den Unterrichtsalltag, verpuffe ein Investitionsprogramm wie der Digitalpakt.