"Entfesselung? Zähmung? Überwindung? Oder: Wie sich der Kapitalismus durch die Digitalisierung ändern wird"

Wirtschaftliche Prognosen sind schwierig. Dies gilt in besonderem Maße für die sozio-ökonomischen Auswirkungen, die von den technologischen Umwälzungen hervorgerufen werden, die heute als Digitalisierung bezeichnet werden. Im Wesentlichen lassen sich in dieser Hinsicht vier unterschiedliche Positionen benennen.

Erstens: die Digitalisierung wird dazu genutzt, einen neoliberalen Kapitalismus noch zu intensivieren. Die zweite Sichtweise geht davon aus, dass sich die Digitalisierung zu einer Zähmung des Kapitalismus und einer Überwindung sozialer Unterschiede nutzen lässt. In der dritten Perspektive lässt sich der Kapitalismus mit all seinen Widersprüchen durch digitale Technologien überwinden. Die vierte Position: Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm. Es wurden schon so viele Revolutionen angekündigt, viele fielen aus.

Es diskutierten:

 

Am Mittwoch, dem 27. März, ging die erfolgreiche Diskussionsrunde des IKKS in ihre zweite Saison. Moderiert von PD Dr. Gunter Süß diskutierten Prof. Dr. Stefan Brunnhuber und Dipl.-Volkswirt Mario Oettler darüber, wie sich der Kapitalismus durch die Digitalisierung ändern wird. Brunnhuber ist ärztlicher Direktor der Diakonie-Kliniken Zschadraß und Professor für Nachhaltigkeit, Sozialmedizin, Psychosomatik und Komplementärmedizin an der Hochschule Mittweida. Sein Diskussionspartner Oettler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Informatik/Verteilte Informationssysteme der Hochschule und Experte für die Blockchain-Technologie.

Vor allem durch die Blockchain-Technologie und künstliche Intelligenz sei die Digitalisierung  in der nahen Zukunft gekennzeichnet, so Mario Oettler im Eingangsstatement. Beide Technologien ließen sich für positive oder aber auch negative Anwendungen nutzen: So könnten Prognosen auf Basis künstlicher Intelligenz vor dem Ausbruch von Krankheiten schützen oder aber von „Überwachungsregimen“ genutzt werden. Mit Hilfe der Blockchain-Technolgie könnten ohne Beteiligung von Kreditinstituten globale Transaktionen durchgeführt werden. Durch den unveränderbaren Geldwert innerhalb der Blockchain falle allerdings auch der Spielraum bei der Festlegung der Währung eines Landes weg. Mario Oettler meinte dazu: „Man kann gewisse Probleme damit lösen, man muss aber immer vorsichtig sein, welche Probleme dann noch kommen.“

Professor Brunnhuber stellte in seinem Auftaktbeitrag klar, dass wir, bevor wir „mehr Digitalisierung“ einfordern, erst einmal die richtigen Fragen stellen müssen, nämlich: Welche Digitalisierung wollen wir eigentlich - Kommerzialisierung und Kontrolle oder Kooperation? Noch grundsätzlicher: „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“, denn erst die Antwort darauf könne die Weichen für den Einsatz digitaler Technologien stellen. Weiterhin bemerkte Professor Brunnhuber: „Alles was wirkt, hat auch eine Nebenwirkung. Und das ist bei technologischen Innovationen nicht anders. Wenn wir uns diesen Diskurs nicht zumuten, dann laufen wir Gefahr, in totalitäre Strukturen hineinzukommen, wie wir das in Südostasien mittlerweile sehen.“

Die Schlüsselfrage Brunnhubers erweiternd stellte Prof. Dr. Stefan Busse, wissenschaftlicher Direktor des IKKS, im Diskussionsteil fest: „Digitalisierung gebiert aber nicht aus sich heraus Ungeheuer. „Der Treibsatz hinter der Digitalisierung ist, Geld zu verdienen. Dieser pflanzt sich aber in die zugrundeliegende Technologie ein.“ Es bestehe, so Busse weiter, die Gefahr einer „teuflischen Trias aus Digitalisierung, Diktatur und Kapitalismus“, auf die wir schlimmstenfalls nur noch reagieren können.

Im Gespräch mit dem Publikum wurden vor allem Aspekte der Auswirkungen des digitalen Kapitalismus auf das menschliche Zusammenleben lebhaft erörtert.